![]() |
||||
Das Proseminar aus der Perspektive eines TeilnehmersMan trifft sich also nachmittags um fünf, nachdem man aus irgendeinem Winkel der westdeutschen Region angereist ist; am besten mit der Bahn - wegen des Kölner Berufsverkehrs und wegen der letzten Vorbereitungen. Angeblich ist das Proseminar berufsbegleitend. Seine Teilnehmer stehen in ganz unterschiedlichen Ausbildungen, Berufen und Familiensituationen. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um ein intensives Studium, dessen Inhalt nicht selten das Hauptinteresse des Studenten besitzt. Eine halbe, manchmal eine ganze Stunde lang wird stehend an der Sprache geübt. Von einfachen Ausatmungsübungen über Geläufigkeits-und Stimmstellübungen bis hin zu kurzen Prosastücken oder Psalmen wird nun vor und nachgeschprochen; zusammen und vor allem einzeln. Fast nach jedem Satz wird man verbessert durch eine treffsichere Bemerkung, durch die genaue Markierung der Schwäche und durch abermaliges Vorsprechen. Langsam begreift man, daß Sprache Ausdruck der Persönlichkeit ist und Sprachgestaltung Arbeit an ihr. In die Anthroposophie führen verschiedene Themen ein: Menschenkunde, Evolutionslehre, Erkenntnistheorie, Christologie. - Einleitend wird der betreffende Textabschnitt von Kursteilnehmern referiert. Der Klärung von Verständnisfragen folgen Darstellung und Erörterung der Hauptlinien und Schlüsselbegriffe. Erstaunt bemerkt man im Laufe des Geschpräches, wieviel der gründlichen Vorbereitung entgangen ist. Gegebenenfalls werden auch Exkurse in benachbarte anthroposophische oder kulturgeschichtliche Gebiete unternommen, um die Vorbildung der Seminaristen zu "heben". Für die Besprechung des kurzen Markus-Evangeliums benötigt ein Kurs im Proseminar drei Jahre. Die wenigen Verse, die jeweils gelesen werden, sind zunächst exakt aus dem Gedächnis wiederzugeben. Danach werden der topographische und der historische Rahmen erläutert; sodann läßt sich die Perspektive bestimmen und das Schwierigste der Deutung versuchen: Welche geistigen Zusammenhänge werden durch das Bild des Evangeliums zum Ausdruck gebracht? Der Arbeitsstil im Proseminar zeichnet sich durch eine herzliche Schärfe aus. Alle Beiträge müssen klar und verständlich sein. Es werden logische Gedankenoperationen gefordert, Sprünge nachgewiesen und verbunden. Zugleich beruht das Fortkommen auf innerer Beweglichkeit und Kreativität. Das Geschpräch entwickelt sich. Es ist nicht an inhaltliche Verläufe und Ergebnisse gebunden und bleibt doch stets am roten Faden. - Gelingt es, Freiheit und Strenge im Denken zu verbinden, hat man sich überdies vorbereitet und ausgeschlafen, vergehen die fünf abendlichen Stunden wie im Flug. Nichtdestoweniger tut die Pause gegen 20 Uhr gut. In der gemütlichen Küche gibt es Kaffee und Tee, Butterbrot und Plätzchen, Entspannung, Schwätzchen und Neuigkeiten aus der Gesamtbewegung. Im Proseminar waltet erfrischender Humor - nicht nur in den Pausen. Im Laufe der Jahre entwickelt sich eine vertrauensvolle Atmosphäre. Vielfältige Kontakte ergeben sich außerhalb der Kurse. Einmal z.B. begleiten Seminaristen die Kölner Konfirmandenfahrt, ein andermal helfen sie, die Kapelle einer Filialgemeinde auszubauen. Vor allem wird das persönliche Gespräch zwischen Lehrer und Studenten gepflegt. Man lernt sich gegenseitig kennen und kann auf guter Grundlage über die Perspektiven der weiteren Ausbildung sprechen. M. J.
|
| © 2004 alle Rechte vorbehalten proseminar-Köln.de | Die Christengemeinschaft | Impressum |

